Buchhandlung Dombrowsky

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Jackie Thomae: Brüder

Was für ein starker Bücherherbst! Und Jackie Thomae trägt dazu bei. Sie schreibt über zwei männliche Protagonisten, die im selben Jahr (1970) von einem Mann gezeugt werden, der zum Studieren aus dem Senegal nach Ost-Berlin kam. Sie wachsen bei ihren Müttern auf, lernen sich aber ihr Leben lang nicht kennen.

Mit Micks Geschichte beginnt der Roman, chronologisch fortschreitend von 1985 bis 2000, in einer irren Geschichte kulminierend, in welcher Mick mit Delia und Desmond als Drogenkuriere scheitern, und in einen Ortswechsel, eine Flucht auf eine thailändische Insel ausklingend, als Mick 30 Jahre alt ist. Sein Bruder Gabriel avanciert nach dem Architekturstudium zum gefeierten Stararchitekten und Hochschullehrer, lebt mit seiner französischstämmigen Frau Fleur in London, betreut Projekte in aller Welt und sieht sich durch den beruflichen Erfolg „weiß gewaschen“, die Hautfarbe und ihr gesellschaftlicher Kontext im Land der Weißen verblassen durch die öffentliche Wahrnehmung des beruflichen und gesellschaftlichen Erfolgs. Der gemeinsame Sohn Albert wird für Jahre in diverse europäische Internate "abgeschoben".

Die Erzählung dieser beiden parallel ablaufenden Leben übt auf den Leser eine große Faszination aus. Es ist kein Buch, das darauf angelegt ist, die Themen Herkunft, Ethnie, Hautfarbe in allen Schattierungen durchzudeklinieren. Das sind Themen, die die Farbe des Buches vielleicht grundieren, den Kontext abbilden, innerhalb dessen die vielen anderen Themen des Buches eine besondere Färbung erhalten, welche da sind:

-die Verhältnisse in der DDR in einem ganz bestimmten gesellschaftlichen und sozialen Segment

-das Berlin der Nachwendejahre als multikultureller und multisozialer Melting pot

-die besonderen und die herkömmlichen Fügungen der Beziehung von Mann und Frau, der Liebe, der Sexualität, der Promiskuität

-das beharrliche Umkreisen der Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir in der Mitte unseres Lebens sind/waren

-das veranschaulichende Nachdenken über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst bestimmen oder ob Herkunft, Milieu unsere Individualität, unseren Charakter bestimmen.

Und es ist vor allem die Zeichnung der Figuren, die fasziniert. Ein Buch, das zu Recht auf der Short-List zum Deutschen Buchpreis 2019 steht.